Tagebuch
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Intros & Extros – Eine Geschichte voller Missverständnisse

In letzter Zeit beschäftige ich mich sehr viel mit dem Thema Introversion. Ich bin selber eine ziemlich typische Introvertierte und entdecke immer mehr Bücher und Blogs zu dem Thema, die ich einfach super spannend finde. Dadurch wird mir auch immer mehr bewusst, wie schwer es für Extrovertierte ist die Intros zu verstehen und andersrum. Wobei es sicherlich immer schwerer für die Ruhigen ist. Jeder von „uns“ kennt das Bekannte „Sei doch nicht so ernst“, „geh doch mal mehr aus dir heraus“, „sag du doch auch mal was!“ und so weiter. Die Lauteren können nur schwer verstehen, dass man einfach so ist und dass das nichts mit Schüchternheit zu tun hat. Und dass man das nicht ändern kann. Ich hingegen habe noch nie erlebt, dass zu einem extremen Extrovertierten gesagt wurde „nun sei doch mal stiller“. Das liegt auch daran, dass ein extrovertiertes, lautes, selbstdarstellerisches Verhalten das ist, was in der westlichen Welt zählt. Wer diese Eigenschaften besitzt, gilt hier als erfolgreich.

Gestern lief im Radio ein Beitrag zum Thema „Glücklich sein“ und es wurde der Fernseh-Psychologe Michael Thiel befragt. Seine abschließende Grundformel zur Frage, wie man glücklich wird war dann „Je extrovertierter man ist, desto glücklicher ist man.“ BULLSHIT!

Wäre ich ein depressiver Mensch, würde Hilfe bei einem Psychologen suchen und der würde mir raten „geh mehr raus, mehr unter Menschen! Sei aktiver! Sei extrovertierter!“, dann würde ich das eine Woche lang artig durchziehen und mir danach einen Strick nehmen. Weil ich dann endgültig am Ende wäre. Und das ist eben das Problem, das viele Nicht-Intros nicht verstehen. Ein Grund dafür ist, dass wir da anders ticken ist, dass unser Gehirn anders funktioniert (zu dem Thema empfehle ich das Buch „Still – Die Bedeutung von Introvertieren in einer lauten Welt” von Susan Cain). Intros sind übersensibel auf äußerliche Reize. Wir sind deshalb nach außen so ruhig, weil in unserem Kopf permanent die Post abgeht, was unglaublich viel Kraft kostet. Je mehr Reize von außen noch dazu kommen, desto ermüdender wird es und umso mehr ziehen wir uns zurück. Wir reagieren auch sehr empfindlich auf Stimmungen und nehmen diese schnell an. Besonders kräftezehrend sind daher vor allem soziale Anlässe – Small-Talk ist wohl mit das Schlimmste, womit man einen Introvertierten konfrontieren kann.

Wir können zwar gut im Small-Talk sein, weil wir das in der Regel lernen können, aber es ist eben sehr anstrengend. Jonathan Rauch hat in dem schönen Artikel “Caring for Your Introvert” seine persönliche Rechnung auf gestellt: Für eine Stunde sozialer Interaktion, benötigt er zwei Stunden alleine, um sich wieder zu erholen.

Für andere mag das wiederum arrogant und schräg wirken, dass man sich nach einer gewissen Zeit zurückzieht und lieber für sich ist, als weiterhin Teil der Party zu sein. Für viele wirkt es auch schräg, dass man den Samstagabend lieber zuhause unter der Bettdecke mit einem Buch verbringt, als in der Disco. Das macht „uns“ aber glücklich, ein Discobesuch oder eine Party ist hingegen – für mich zum Beispiel – der totale Stress und danach brauche ich erst einmal einen Tag zur Erholung. Auch wenn es ein toller und spaßiger Abend war. Oder dass man sich in großer Runde eher zurückzieht und einfach zuhört, als selbst große Reden zu schwingen. Das hat nichts damit zu tun, dass man nichts zu sagen hat, oder dass man kein Interesse hat. Ganz im Gegenteil, denn Introvertierte verarbeiten das Gesagte umso intensiver und das kostet viel Kraft und macht unter Umständen einfach sprachlos. Ich persönlich habe immer das Gefühl, dass mein Gehirn durch die vielen Informationen in einem Gespräch mit mehreren Menschen heiß läuft und dass dann eben anderer Stelle gespart werden muss.

Eine schöne Metapher ist die, dass Extrovertierte soziale Kontakte benötigen, weil sie wie Solarzellen funktionieren: Sie nehmen die Energie von außen auf und brauchen daher den Kontakt mit anderen. Introvertierte gehören mehr zur Kategorie Akku: Sie geben in sozialer Interaktion Energie ab, brauchen dann aber eben Zeit, um sich selber wieder aufzuladen. Daher kann man beide Persönlichkeitstypen einfach nicht vergleichen. Sich gegenseitig zu verstehen fällt oft schwer, aber es wäre einfach schön, wenn auch mehr Extros einfach akzeptieren würden, dass wir (in der Regel) nicht menschenscheu sind, auch nicht arrogant und wir sind ja auch gerne mit anderen zusammen. Aber eben lieber für kürzere Zeit und wenn, dann lieber mit weniger Menschen und mit denen, die wir besonders gerne haben.

Daher ist die Aussage “Je extrovertierter man ist, desto glücklicher ist man” vielleicht richtig. Für einen Extrovertierten. Aber nicht für einen Intro, denn ein Intro ist vermutlich am glücklichsten, wenn er sich zurückziehen kann, wenn er Ruhe braucht und wenn seine extrovertierten Mitmenschen das einfach so akzeptieren.

Henry David Thoreau hat mal so schön in “Walden” geschrieben:

If a man does not keep pace with his companions, perhaps it is because he hears a different drummer. Let him step to the music which he hears, however measured or far away.

Dem habe ich nichts hinzuzufügen.

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Hier ein paar Links zum Thema:

  • Eine Link-Sammlung zum Thema Introversion von Weltenkreuzer, der mich mit dem Thema angefixt hat. Danke dafür!

4 Comments

  1. Hi.

    Ich würde mich als extrovertierte Person bezeichnen, weil ich keinerlei Probleme mit deinen genannten Beispielen habe. Dennoch kann ich mich auch gerne mal zurückziehen ohne den Kontakt nach außen zu benötigen. Ich schätze, da haben wir es tatsächlich einfacher, die “Intros” können wohl eher nicht wählen, worauf sie jetzt gerade Lust haben.

    Ich danke dir für diesen Beitrag, ehrlich gesagt habe ich mir noch nie Gedanken über das Thema gemacht. Da viel auch schon mal etwas schneller der Hinweis, das alles mit genug Übung irgendwann kein Problem mehr darstellt.

    Mal schauen, vielleicht schaffe ich es, mich in den passenden Situationen mal an deinen Artikel zu erinnern und die Aussage auch anwenden zu können.

    Vielen Dank nochmal, und Kopf hoch, wer es schafft, einmal zu euch durchzudringen, wird eine viel intensivere Freundschaft zu euch aufbauen, als die schnellen Freundschaften, die wir “Extros” zu schließen pflegen😉

    Liebe Grüße
    Bonsailinse

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    • Dein Kommentar freut mich sehr! Wenn ich zum Nachdenken anregen konnte, dann bin ich schon mehr als glücklich.

      Du bringst es auf den Punkt: “Intros” können nicht so leicht wählen, worauf sie Lust haben. Können halt nicht “aus ihrer Haut”, wie man so schön sagt. Aber wenn beide Seiten einander besser verstehen würden, dann wären schon einige Probleme gelöst. Wir sind ja auf dem Weg dahin😉

      Und ohne “Extros” wollen wir ja übrigens auch nicht. Dann wäre die Welt nämlich ganz schön langweilig und ruhig…😉

      Liebe Grüße zurück!

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  2. Hey und ho,

    eine liebe Freundin schuppste mich in Richtung dieses Posts weil sie an mich denken musste. Nachdem ich fertig gelesen hatte musste ich lächeln, weil sie und du den Nagel auf den Kopf getroffen haben.

    Viele Menschen verstehen stille Menschen nicht, weil unsere Welt so laut ist. Aber zum Glück findet man unter diesem ganzen Lärm noch kluge Worte wie diese hier. Vielen Dank!

    Ich wünsch dir eine schöne neue Woche und viel Freude,
    Wolfgang

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    • Ach, was für ein schöner Kommentar, 1000 Dank dafür!🙂

      Aber umso schöner ist es auch zu sehen, dass die Introvertierten sich immer mehr Raum erobern und zurzeit in aller Munde sind – nicht zuletzt im Titelthema vom Spiegel (http://www.spiegel.de/spiegel/print/index-2012-34.html). Vielleicht verstehen dann langsam mehr Menschen, was in unseren Köpfen so los ist.

      Ganz liebe Grüße (auch an die Freundin ;)) und danke, dir auch eine tolle Woche!

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