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[Spiele] Die Akte Whitechapel

25. Sept. 1888
Lieber Boss,
mir kommt ständig zu Ohren, die Polizei hätte mich geschnappt, aber sie wird mich jetzt noch nicht erwischen. Ich habe gelacht, wenn sie so schlau aussehen und darüber reden als wären sie auf der richtigen Spur. Ich bin hinter Huren her und ich werde nicht aufhören, sie aufzuschlitzen, bis ich geschnappt werde. Der letzte Job war großartige Arbeit. Ich habe der Dame keine Zeit zum Kreischen gelassen. Wie können Sie mich da schnappen? …

Viel Glück.

Ihr ergebener
Jack The Ripper

Die Whitechapel-Morde vom ominösen „Jack the Ripper“ kennen wir alle. Bis heute ist nicht wirklich geklärt, wer hinter diesen Taten steckte. Gleichzeitig war die Polizei regelrecht überfordert mit der Situation, sie kamen ihm nicht auf die Schliche. Die perfekte Ausgangssituation für ein Brettspiel also!

Whitechapel

„Die Akte Whitechapel“ ist ein Hidden-Movement-Spiel, was man zum Beispiel auch von „Scotland Yard“ kennt. In diesem Fall ist es Jack the Ripper, der sich unbemerkt über das Spielfeld bewegt und die anderen müssen erahnen, wo er sich befindet. Eine Spielerin oder ein Spieler ist Jack the Ripper, die anderen spielen die Polizisten (es geht sehr gut auch zu zweit, dann spielt halt ein Spieler alle Polizeifiguren). Eine Runde ist eine Nacht, in der Jack einen Mord begehen muss; in Runde drei muss er gleich zweimal töten. Und nach jedem Mord muss Jack zurück in sein geheimes Versteck, das er sich vor dem Spiel irgendwo auf dem Spielplan sucht. Die Ermittler wissen natürlich nicht, wo sich das befindet. Ziel ist es für Jack alle Morde zu begehen und jedes Mal wieder sicher an seinen geheimen Ort zu kommen, ohne geschnappt zu werden. Ziel der Ermittler ist natürlich, das zu verhindern.

So funktioniert es

Los geht es jedoch nicht direkt mit einer wilden Verfolgungsjagd, sondern mit dem Planen der Morde. An den Orten auf der echten Straßenkarte, an denen die echten Morde passiert sind, platziert Jack Marker und hinter einigen verbergen sich „Opfer“. Es ist ihm überlassen, welches davon in dieser Nacht getötet wird. Bis Jack zuschlägt haben die Polizisten Zeit sich aufzustellen (auch hier gibt es zwei „Dummys“, damit Jack sich nie ganz sicher sein kann, wo sich die Ermittler befinden) und sie können die Opfer von den Tatorten wegbewegen. Entscheidet Jack sich dazu, zu töten, werden die richtigen Standorte der Polizisten enthüllt und da sie nun wissen, wo der Tatort ist, wissen sie auch, dass sich Jack noch in der Nähe befinden muss: Die Verfolgung beginnt!

Die Vorteile der Ermittler: Sie können sich null bis zwei Felder weit pro Zug bewegen. Auf Feldern, an denen sie Jack the Ripper vermuteten, können sie nach Hinweisen fragen. War Jack tatsächlich bei seiner Flucht auf diesem Feld, wird es markiert und so können die Polizisten nach und nach seiner Spur folgen. Sind die Ermittler sich sicher, dass sich Jack noch dort befindet, können sie ihn dort festnehmen – sofern sie denn richtig liegen.

Jacks Vorteile: Er muss sich in jeder Runde um ein Feld bewegen. Er hat aber pro Runde eine bestimmte Anzahl Kutschfahrten frei, und kann sich damit direkt zwei Felder weiter bewegen, oder er kann durch eine Gasse flüchten und dabei einen ganzen Häuserblock weiterkommen.

Und wie ist es?

Ich muss gestehen, dass mich die Geschichte um Jack the Ripper schon immer sehr fasziniert hat. Alles was es an Büchern, Filmen, Webseiten, Touristentouren in London, … , dazu gibt: Ich habe es mit großer Wahrscheinlichkeit gelesen, gesehen, ausprobiert. Also war ich wirklich sehr gespannt auf das Spiel. Und doch hatte ich ein mulmiges Gefühl dabei: Auf dem Spielfeld sind die wahren Morde eingezeichnet, die Ermittler sind mit Originalfotos vertreten und sowieso ist das alles doch schon sehr makaber. Gut irgendwie, aber auch ein bisschen creepy. Dass das nicht jedermanns Sache ist, kann ich verstehen.

Oft gelobt wird bei dem Spiel die Thematik und die Atmosphäre. Ich habe mich immer gefragt, was daran so besonders sein soll, denn das Spielfeld ist mit lauter Zahlen auf einem Stadtplan recht nüchtern, die Spielfiguren sind relativ schlichte Holzteile und es wird ja außer der bekannten Geschichte keine weitere erzählt. Und doch muss ich sagen: wow! Selten hat mich ein Spiel so in den Bann gezogen. Man fiebert mit – je nachdem auf welcher Seite man steht – und die Anspannung ist stellenweise fast unerträglich. Zur Atmosphäre trägt auch die Planungsphase am Anfang bei. Die Ermittler wissen nicht, wo Jack zuschlagen wird; Jack weiß nicht, wo genau die Ermittler sich befinden und wohin sie die Opfer bewegen. In jeder Runde kann er töten … oder einfach abwarten. Entschließt er sich zum Mord, wird das Spielbrett von den Dummy-Markern befreit und die Jagd geht los. Man hat regelrecht vor Augen, wie jemand in den dunklen Gassen „MORD!“ schreit und dann alle Polizisten versuchen, schnell dorthin zu gelangen.

Und wenn das Spiel vorbei ist und man allmählich wieder entspannen kann, will man direkt noch eine Runde spielen, um auf die andere Seite zu wechseln.

Also?

Wer kein Problem mit dem makaberen Thema hat, das bestenfalls sogar richtig gut findet und Spaß an Hidden-Movement-Spielen hat, sollte „Whitechapel“ unbedingt mal ausprobieren. Dann kann man sich auch an all den Informationen zu den Morden im Regelheft erfreuen. Man muss aber auch schon eine recht hohe Frustrationsgrenze haben, denn je nachdem, wie viel Glück der Gegenspieler hat (okay, okay, je nachdem, wie gut er ist), kann man manchmal schon die Nerven verlieren. Wenn man sich als Jack den perfekten Weg ausgesucht hat und der Ermittler, der die ganz Zeit konsequent in die andere Richtung lief, sich dann plötzlich umdreht und einem nun den Weg versperrt … gleichzeitig entstehen so auch schöne Geschichten, weil wir uns in solchen Situationen immer automatisch gefragt haben, was den Figuren da wohl durch den Kopf geht. Und wenn Jack ihnen schon längst entkommen ist und die Polizei noch immer im Dunkeln tappt, fühlt es sich ein bisschen so an, als wäre man 1888 live dabei …

Atmosphäre!

„Whitechapel“ ist prädestiniert für Kerzenlicht und gruselige Stimmung. Und natürlich darf auch hier die richtige Hintergrundmusik nicht fehlen. Es passt „Victorian London“ von tabletopaudio.com gut oder noch besser hat uns „Haunted Rain“ extra für das Spiel gefallen.

Erweiterungen

Mit dem Spiel kommen übrigens noch kleine Varianten, mit denen Jack zum Beispiel den Ermittlern falsche Hinweise geben kann oder die Ermittler bekommen ein paar Spezialfähigkeiten, die man gut einsetzen kann, falls eine Seite unschlagbar ist. Die Varianten haben wir allerdings noch gar nicht ausprobiert, weil es so schon recht ausgewogen war. Und im Juni 2016 soll noch die Erweiterung „Dear Boss“ erscheinen, die unter anderem Miniaturen mitbringt.

Und wer (wie ich) von dem Jack the Ripper-Thema nicht genug bekommen kann, kann sich zusätzlich mit dieser Lektüre in die richtige Stimmung fürs Spiel versetzen. Viel, äh, Spaß?

1 Comment

  1. UI! Ein durchaus interessantes spiel denk ich – und das ganz ohne zombies! – werd definitiv mal die augen offen halten! Schön, dass du einem gleich passend nen soundtrack präsentierst!

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